Willi Habermann
Biografie und Literaturverzeichnis
jahreszeitenvariabel - Naturgedichte
JAHRESZEITEN
WINTERLICHT
SOMMERLAND
ANGEBOT NOCH
WOLKENPOSTMODERNES ALLERLEI
ANEMONENGRUND
Februargrün
Leibhaftiger Februarfrühling
im Zimmer.
Der Lindenzweig,
glattrindiger Holzling,
im Januarwinter geschnitten,
hat Grünblättchen ausgeschlagen.
Eingeregnet
Grauleinwandregen,
fließendes Wasserprasseln,
Februarnachtschwarz.
Eine Haube Himmel
Die Schirmkiefer
hat Äste ausgefahren,
umfängt das Blau des Himmels
in ihrem Dachstock.
Ansage
Ampel der Knospen,
Märzvollmond, hängst blank
im Skelett des vielarmig
nackten Baumes
und leuchtest.
Winterneid stöhnt im reißenden Eis,
Streichler Wind lockt schon blau Ehrenpreis,
Lerche huscht unter die Hecke am Rain,
bald und lind wird Frühling sein.
Fensterhaiku
Der offene Fen-
sterspalt schlägt die offne Zim-
mertüre ins Schloß.
Fenstergeschichte
Weißes Himmelssegment
im Fensterrechteck.
Durch den offenen Flügel
schwingt Wind
und bauscht im Rhythmus
die leichte Vorhangbahn.
Nachtfrost
Im Glitzerfrost-Outfit
gefirnißt
steht die Autoherde
morgenstarr
in der Straße.
Hagelschlag
Hagelschwangre Wolken
finstern den Himmel zu.
Regenseile pendeln, schleifen
vom Schnürboden runter.
Donner brettern, schlagen, reißen.
Schlossen schießen nieder
auf Wälder und Dächer.
Heller Himmel heuchelt
rasch Versöhnung, wo vernichtet
ringsum alles schweigt.
Anemonengrund
Voll weißen Gesprenkels
der Buchenwaldboden,
ein Himmel von Anemonensternen.
Wie sich die Blüten
spreizen nach Licht.
Strenge der Anemonen
Die Anemonenstrenge,
ihr Weiß
der Leintücher
des Lebens, des Tods.
Anemonensterne
unter Buchenkronen.
Könnten die Astronomen
sie auch Schwarze Löcher
nennen,
wohin sie übermorgen
enden im Waldkompost ?
Zueinander
Von dem Busch vorm Haus
der blaue Tageshimmel
blütengelb besternt.
Blütengelb besternt
der blaue Tageshimmel
von dem Busch vorm Haus.
Reifen
Schrumpel-unverfault
Märzapfel, du Zeit-Seliger,
Rotbacke-Alter.
Sturmfrühling
Sturmfrühling
landüber.
Du hörst
das Holz der Bäume reißen.
Die Wolken
treiben einander.
Kirschblätterchaos
am Kirschbaum
wie geflutet
von reißendem Wolkenbruch,
strömendem Wasser.
Poprot
Scharfes Poprot und -gelb
der Weidenruten.
Vorfrühlingskarneval.
Die steigenden Säfte
drängen auf Ostern.
Vogel Grünspecht
Fasnacht flaggt
das ganze Jahr
der Grünspecht
vom Kopf zum Schwanz,
schwarz - rot - weiß - grün.
Hackt schwer am Baum nach dem Wurm,
nach Ameisen unter dem Stein,
und ruckt und springt in Narrenfedern.
April April
Die weißen Blüten
stehen unbewegt
im Morgenfrost
April April
Der Schneedornstrauch
hat Winterliches
noch im Busch
April April
Schneeträchtig
am Morgenhimmel
reglos die weißen Wolken
April April
Schlüsselblumen
Der Buschen
Schlüsselblumkrönchen.
Auf dem Tisch
der runde Strauß.
Wie oft
hab ich mich
nach jedem Stengel
gebückt.
Ostern
Eier-Oster-Hasen.
Grün der Frühlingswasen.
Leben Auferstehen.
Ich will landaus gehen.
Sonnengoldnes Feuer
heizt das Kalkgemäuer,
lege drauf zwei Hände,
Wärme mir erpfände.
Osterhell
O Osterhell.
Die Stunden singen.
Blau da ist Hoffnung.
Warm duftet Luft.
Grünblätterglanz.
Frisch wirft der Maulwurf.
Die Tritte gehen weich
beim Amselruf.
Das Pfauenaug
am Kellerfenster
schlägt auf die Flügel:
meine Augen schaun.
Im Park
Die Narzissen
läuten gelb
den Frühling ein.
Ob die grüne
Vieltausendgemeinde
der Gräser es hört ?
Es ist schon fünf Uhr.
Den letzten Schlag der Turmuhr
verwehte der Wind.
Grünsprenkelgebüsch -
gehalten vom Ästchenbraun.
Lichterball Frühling.
Spalierte Birnbäume
bringen dieselben Birnen.
Frage den Gärtner.
Naturbelassen
Gelbe Wildtulpe
Vipernkopf,
Schlängelchen dein Stiel,
schaust kryptisch mich an.
Vor Tag
Im dunklen Tiefen lieg ich hier,
Graufunkel wechselt seine Stille,
Der Morgenvogel zelebriert sein Lied,
den Osterruf, die Nacht ist um.
Gezwitscherblitze leuchten Spur.
Mein Warmes ist die halbe Welt.
Dort draußen spielt sich Frühe ein
und dämmert auf des Neuen Tag.
Zwitter April
Die Hänge flaggen uni
ihr heuriges Grasmonatgrün.
Flößer Fluß führt
das neue Silber zu Tal.
Die Vögel jauchzen
ihr hochzeitlich Lied.
Zwitter April
jagt die grauen Juteballen am Himmel
über unmailiche Frühlingsflur.
Schwärze und Helle
und die Leere der Stille.
Widerstreit
Ach, Wolke,
Sonne-Zudecker,
du machst so viel Schatten,
schnell, ziehe weiter !
Ach, Sonne,
Sommerofen,
heiz nicht so stark,
du verbrennst mir die Haut !
Treffen sich lachend
Wolke und Sonne:
Zu “Solke” und “Wolne” verschnitten,
sind wir bei Menschen gelitten !
Lied überm Acker
Die Lerchen zwitschern
spiralig sich hoch überm Acker:
voll von Singen die Luft.
Heckenbasteien
Im Schlehdorn
der weiße Blütenhimmel:
frühlingsgrüne Einsiedlerweiler
über den Hang geziert,
Heckenbasteien auch,
zwischen vielgrünig
geflaggtem Saat- und Wiesengebänder.
Gartenlust
Unterm blühenden Baum
im Hängekorb schaukle ich mich,
die Schaukel bewegt die Zweige,
die Blütensträuße nicken
dem Maihimmel zu.
Der hallt vom Orchester der Vögel,
die singen mit ihren unzählbaren Liedern
ihr:
Hier bin ich Star !
Mai Mai
Wie der unsichtbare Wind
den Kirschbaum durchfächert,
daß die Blätter tanzen
an den bieglichen Zweigen.
Wie der Flieder sein Prangen
vor sich herhält,
prachtfarben - und duftet.
Wie die schrägen Kanten des Dachgiebels,
wo sie oben zusammenstoßen,
der Amsel ihr Flötpodest sind.
Apfelbaum-Mai
Pracht der Apfelblüten,
Rund an Rund
die weißen Mai-Kokarden.
Goldüberpulvert das Herz,
Ring an Ring
die aufgeschlagnen Flügelfünflinge.
Kreis an Kreis
die Wunderblumen.
Vom Apfelbaum
trudeln
wölbige Seidenbahnen
der Blütenröckchen.
Bestäubter Stempel
legt die Hüllen ab.
Die weißen
Apfelblütschöße
zerfallen.
Halber Mai.
Schnee überbreitet
das Straßenteerschwarz.
Bienen, schlafen sie lange?
Besuchen sie viele Blüten am Tag?
Zur nächsten Blüte fliegen sie nie!
Begegnen sich Biene und Hummel
freundlich beim Honig-Heimsen?
Wie sie im Apfelbaum über mir summen !
Schwere Frucht
Die schönen Blüten fallen.
Die Quitten fruchten.
Bald prallen
die schweren Gelblinge
versteckt im Blätterwald
ins Gras.
Lied
Das Grün ist so voll und rund,
Mai bläst die Bäume auf,
die Alleen tragen Ballone,
durchlaufe, durchlaufe sie, lauf !
Die Gänsblumsternwiese
weiß-gelb im Grünhimmel,
drüber der rührige Blättermai,
laß los, los, laß deine Fimmel!
Der Wind schlägt fahle Strähnen
in Junigrün-Wiesen,
das windet sich, wandert, wellt weiter,
schwing mit, ja, lass dich, lass fließen !
Hausgarten
Unser Hausgartenrausch - maisatt.
Wir lieben die Fülle wie uns.
Der Vogel Immersang durchtönt
die Farben und Spiele der Formen.
Grünwärzchen, Knöpfchen grün punktieren das Laubgrün.
Sonne und Regen und Donner sind Paten.
Glück, bleibe !
Auskehr
Die hohen ausgebrannten Tulpenruinen,
das Abgeblätterte liegt am Boden,
verrottet.
Der Tulpenmai hat ausgeblüht.